Bei meinem Aufenthalt in
Rajkot im Februar 2005 und zuletzt im September 2005 besuchte ich mehrere Male
den Balashram. So möchte ich meinen Eindruck vom Balashram schildern.
Derzeit
wohnen circa 180 Mädchen und 9 Säuglinge im Balashram. Im Kumar Chhatralay (das
Heim für die Jungs) wohnen ca. 65 Jungen. Das von uns renovierte Gebäude trägt
die Plakette "Bridge to Germany" und wird sinnvoll in der von uns vorgesehenen
Art benutzt. Im oberen Geschoss wohnen die älteren Mädchen, in jedem Zimmer
vier. Im Erdgeschoss werden die Räume als Studierzimmer benutzt. Hier bekommen
die Mädchen ihre Nachhilfestunden und können auch ihre Hausaufgaben erledigen.
Die privaten Räume für die Heimleiterin werden derzeit nicht benutzt. Nach wie
vor kommen Lehrer in den Balashram, um den Mädchen Nachhilfestunden zu geben und
ihre Hausaufgaben zu betreuen. Die großen Mädchen sind besonders froh darüber,
dass sie nunmehr ein eigenes Gebäude haben. Nach wie vor hat der Balashram noch
keinen Ersatz für Ashaben gefunden. Madhuben, die schon seit Jahren mit Ashaben
gearbeitet hat, leitet kommissarisch den Ashram. Die Balashram Trustees
(Beiräte) wünschen es, dass Madhuben die Stelle von Ashaben übernimmt. Sie
möchte es aber aus familiären Gründen nicht tun. Madhuben ist unverheiratet und
hat bisher immer mit ihrer Großfamilie in Rajkot gelebt. Ihre Großfamilie ist
von Rajkot nach Surat weggezogen und sie möchte es auch möglichst bald tun. Sie
möchte im Alter nicht allein sein und meint, dass es mit dem Älterwerden immer
schwieriger wird, sich in einer Großfamilie zurechtzufinden. Im Augenblick sorgt
sie für eine gewisse Kontinuität der Arbeit. Neben Madhuben arbeiten derzeit
circa 30 Angestellte im Balashram. Sechs davon sind für die Säuglinge tätig. Die
Zahl der Säuglinge schwankt. Mannigfache Gründe werden als Ursache genannt:
direkte Adoptionsvermittlung durch die indischen Ärzte an die indischen
Familien, steigende Akzeptanz der Mädchengeburten. Es kommt aber immer noch vor,
dass im Krankenhaus die neugeborenen Mädchen von der Mutter verlassen werden. So
konnte man in den Tageszeitungen während meines Aufenthalts im September lesen,
dass eine Mutter ihre neu geborene Tochter (ihr sechstes Kind) im Krankenhaus
zurückließ. Die Behörden veranlassten, dass das Findelkind dem Balashram
übergeben wurde.
Erfreulich
ist, dass das Bewusstsein für Bildung und für die dadurch zu erreichende
persönliche Unabhängigkeit in der letzten Zeit gestiegen ist. So lernte ich im
Balashram Amisha kennen. Sie ist 22 Jahre alt, hat B.Com hinter sich und ist
jetzt eingeschrieben für MCA (Master of Computer Application). Sie hatte enorme
Schwierigkeiten zu überwinden, denn um sich für MCA einschreiben zu können,
musste sie sich sehr gute Englischkenntnisse erwerben, die sie für ihr
bisheriges Studium zum B.Com nicht brauchte, weil das Curriculum für B.Com
weitestgehend mit Gujarati auskommt. Sie bekommt die volle Unterstützung, die
sie braucht vom Balashram-Beirat. So wurde für sie z.B. ein neuer PC
angeschafft. Außer Amisha lernte ich auch noch zwei weitere junge Damen kennen.
Eine bereitet sich für ihr Abitur vor und will gerne "Primary School Teacher"
werden. Eine andere strebt den B.A. an. Und weil sie sich auch für Musik und
klassischen Gesang interessiert, kommt der Balashram für ihren Musik- und
Gesangsunterricht auf.
Dinesh Shah